Der Knopf im Ohr

Wie Audio die Medienlandschaft radikal verändern wird. 

Ich lese wieder Zeitung - naja sagen wir mal online - naja sagen wir mal als Newsletter - naja sagen wir mal nicht lesen - ich überfliege sie. Newsletter die mir teilweise jeden Wochentag zur gleichen Tageszeit, wenige aber toll kuratierte Inhalte automatisch ins Postfach legt. So wie der vom ZEIT Magazin. Ist das wirklich Zeitung lesen? Auf jeden Fall zeigt sich dabei eine Entwicklung in meinem und wahrscheinlich im Medien Konsum vieler Menschen. Ich bin kaum noch in der Lage konzentriert einen kompletten Zeitungsartikel, egal ob on- oder offline zu lesen. Ich Überfliege Newsletter und scanne Twitter um hier und da abzubiegen und dann einen eh schon kurzen Artikel mit 3 min Lesedauer zu überfliegen. 


Technische Entwicklung

Und dann ist da noch ein zweiter Trend: Podcasts. Wobei der Trend für mich viel mehr Audio heisst. Denn es geht mehr als nur um das Format Podcast - das aktuell in aller Munde ist. Gerade erst habe ich erfahren das einer der erfolgreichsten (Gemischtes Hack) ca. 1 mio. Hörer hat. Das habe ich natürlich nicht gelesen, sondern im Podcast "Hotel Matze" gehört. Der hat übrigens auch einen super Newsletter.  

Warum es um Audio geht hängt auch mit einer technischen Entwicklung zusammen. Man sieht sie ja kaum noch - Menschen ohne Kopfhörer und ich selbst bin mittlerweile zu einer Art Cyborg geworden. Schreckte mich die zweifelhafte Ästhetik der AirPods, die für mich immer noch aussehen als ob man den alten Apple Kopfhörern einfach die Kabel abgetrennt, am Anfang noch ab, ist mir diese Äußerlichkeit mittlerweile völlig egal. Denn die Vorzüge dieser kleinen Wunderdinger in meinen Ohren sind einfach so erstaunlich. Zum einen kann ich damit einfach den Lärm da draussen ausschalten (nennt sich Noise Canceling) - was mich wirklich umgehauen hat. Egal ob störende Gespräche im Zug, im Großraumbüro oder der alltägliche Strassenlärm - einfach ausgeblendet. Und gleichzeitig kann ich damit telefonieren. Joggen - ohne mich in den Kabeln zu verhaspeln. Sie sind mittlerweile kleiner als, das von meiner Oma jahrelang abgelehnte, Hörgerät, was sie nie tragen wollte, weil so groß und auffällig. Wenn es nach mir gehen würde würde ich die Dinger jetzt schon garnicht mehr heraus nehmen. Und sie werden immer kleiner und leistungsfähiger - so wie bei jeder technischen Entwicklung der letzten Jahre. 


Medienkonsum

Bleibt die Frage welche Einfluss hat dies auf unseren Medienkonsum - und viel wichtiger: was wird dies langfristig für einen Einfluss auf die Medien und ihre Business Modelle haben? Lesen ist irgendwie immer noch etwas sehr kultiviertes (wenn es nicht gerade die Bildzeitung ist) - aber es ist eben auch verdammt lästig. Schonmal mit der ZEIT im ICE gesessen und dabei versucht neben dem Sitznachbar umzublättern ohne das dies als körperliche Bedrohung wahrgenommen werden könnte? Das Format einer gedruckten Zeitung ist lästig. Und lesen ist lästig. Denn es dauert viel länger die Informationen aufzunehmen. Bilder, Bewegtbild, Icons - wir versuchen schon seit Jahrzehnten das geschriebene Wort zu bekämpfen. Es zu vereinfachen und zu beschleunigen. Und es gibt viele Momente in denen ich garnicht lesen kann. Beim Autofahren, beim Joggen oder beim 20 min Fußweg zur Arbeit. Blicke ich auf eine durchschnittliche Woche von mir dann sind das aktuell ca. 10 Stunden (5 Stunden Arbeitsweg, 5 Stunden Sport) auf denen ich garnicht lesen kann. Selbst wenn ich wollte. Und wir sehen den Trend des Lesens und Schreiben auch in unserem eigenen täglichen privaten Kommunikation. Sprachnachrichten (so sehr ich sie verabscheue) nehmen uns das getippe auf der Smartphone Tastatur ab. Und per Voice Assistent kann ich dann auch einfach während der Autofahrt das Smartphone ansteuern und die erhaltene Nachricht abspielen lassen. Es wird also weiterhin einfacher, schneller und bequemer. Warum sollte dies nicht auch die Medien und deren Formate betreffen?


Auswirkung auf Business Modelle der Medienunternehmen

Jahrelang haben wir geglaubt dass das Tempo der sozialen und digitalen Medien der entscheidende Killer der klassischen Zeitung sein wird. Zeitungen und Fernsehsendungen gehen jetzt auf Facebook und Instagram live und versuchen sich auf TikTok. Wir dachten es würde ausreichen das Papier einfach 1:1 auf ein Display zu kopieren und das würde ausreichen. Aber da steckt das eigentliche Problem. Der Mehrwert für den User einen Inhalt auf einem iPad statt auf Papier zu lesen ist gleich Null. Naja, man kann den Inhalt einfach runter laden und ist damit früher dran als mit der klassischen Druckmaschinerie. Aber wirklich vereinfachen tut dass das Leben des Nutzers nicht wirklich. Man bekommt den Content zwar schneller und aktueller am Geschehen (was ja aber nur bei den beliebten Eilmeldungen wirklich relevant ist), aber der eigentliche Konsum ist immer noch lästig - aktives Lesen statt passiver Nebenbeikonsum während dem Kochen, Autofahren, Joggen. 

Und deswegen wird Audio die wirkliche Innovationen im Medienkonsum: Podcasts, Hörbücher, Artikel vorlesen oder sogar zusammen fassen lassen (siehe Services wie Blinkist). Und was ist eigentlich mit sowas wie Podcast live? Also nicht eine Livesendung schneiden und Tage später als Podcast hochladen sondern eben ein spontanes Live gehen. So wie Insta Live nur eben rein als Audio.


Und vielleicht bietet diese Art des Konsums auch eine Chance gegenüber der aktuellen Kommunikation in verkürzten, fehlinterpretierbaren Tweets oder unpersönlichen anonymen Artikeln. Was gibt es persönlicheres als eine menschliche Stimme? Und somit ein Gesicht hinter all dem Inhalt. Ironie und Gefühle sind besser erkennbar. Und viele Medien setzen ja auch schon darauf und die Gesichter hinter der Marke treten auf einmal persönlich, sympathisch und kompetent in den Vordergrund. War die ZEIT für mich bisher immer Giovanni di Lorenzo ist sie mittlerweile für mich Sabine Rückert (Zeit Verbrechen), Christoph Amend, Jochen Wegner (beide Alles Gesagt) oder Matthias Kalle (die Schaulustigen). Nur ist dies aktuell eben nur Marketing für das eigentliche veraltete Medienangebot. Damit wird momentan kein Geld verdient. Sicherlich ein gutes Marketing. Ich selbst habe seit dem ich die ZEIT Podcasts höre wieder öfter die gedruckte Ausgabe gekauft. Aber wenn ich die Wahl hätte würde ich alles am Liebsten in Audio konsumieren. 



Fazit: 

Ich war letztes Jahr auf einer Veranstaltung von Micky Beisenherz. Die Lesetour zu seinem Buch der gesammelten Werke seiner Sternkolumne. Ich habe mich wahnsinnig gut amüsiert. Ebenso konsumiere ich jede Woche zwei seiner Podcasts und folge ihm auf Twitter. Und jedes mal wenn er seine Stern Kolumne postet denke ich „cool, muss ich lesen“. Tue ich aber nicht. Einfach weil ich zu bequem bin, es in diesem Moment doch nicht passt 5 min zu lesen und weil sich alles einfach immer schneller dreht. Das kann man mit bedauern betrachten, aber es ist nun einmal so. Gäbe es nun aber die Beisenherz-Stern-Kolumne jede Woche auch als kurzen Audio Snippet, z.B. auf Spotify oder auch direkt in Twitter - mit der vertrauten persönliche Stimme, dann würde ich das vermutlich immer konsumieren und noch wichtiger, auch dafür bezahlen.

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